
Der größte Nationalpark zwischen Nordkap und Sizilien ist kein Wald und kein Gebirge. Er ist eine Fläche, die zweimal am Tag verschwindet.
Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer wurde 1985 eingerichtet und umfasst rund 4.400 Quadratkilometer. Seit dem 26. Juni 2009 gehört das Gebiet gemeinsam mit dem niederländischen und dem niedersächsischen Wattenmeer zum Weltnaturerbe der UNESCO. Das sind Verwaltungsakte, und sie sagen wenig darüber, wie es ist, dort barfuß zu stehen.
Was das Watt eigentlich ist
Es ist kein Strand und kein Sumpf, sondern Meeresboden mit Sprechzeiten. Alle zwölf Stunden und fünfundzwanzig Minuten läuft das Wasser einmal ab und wieder auf. In Nordfriesland liegen zwischen Hoch- und Niedrigwasser je nach Ort knapp zwei bis dreieinhalb Meter Höhenunterschied – vor Sylt rund 1,8 Meter, in der Husumer Bucht über drei – und weil die Fläche fast eben ist, bedeutet ein Meter Höhe hier Kilometer an Breite.
Der Boden selbst ist ein Gemisch aus Sand und Schlick, und wie fein er ist, entscheidet alles: Sandwatt trägt, Mischwatt gibt nach, Schlickwatt zieht am Fuß. Wer eine Wattwanderung macht, geht in einer Stunde durch drei verschiedene Böden und merkt es an den Waden.
Ein Meter Höhe bedeutet hier Kilometer an Breite.

Das Leben darin
Was aussieht wie leeres Grau, ist einer der produktivsten Lebensräume der Erde. In einem Quadratmeter Watt können Zehntausende Tiere stecken: Wattwürmer, Herzmuscheln, Schlickkrebse, Wattschnecken. Die kleinen Häufchen, die überall liegen, sind die Ausscheidungen des Wattwurms, der den Boden von unten nach oben durcharbeitet wie ein Regenwurm die Wiese.
Diese Biomasse ist der Grund für alles andere. Sie ist der Grund, warum Millionen Vögel hier Station machen, warum die Krabbenfischerei existiert und warum die Nordsee ihre Kinderstube hier hat: Achtzig Prozent der Nordsee-Schollen verbringen ihr erstes Lebensjahr im Watt, dazu Flunder, Seezunge und junge Heringe.

Priele
Auch bei Niedrigwasser ist das Watt nicht trocken. Es ist durchzogen von Prielen, den Rinnen, durch die das Wasser abfließt und zurückkommt. Sie verzweigen sich wie ein Flusssystem und verlagern sich, manchmal innerhalb eines Winters.
Sie sind der Grund, warum man ohne Kenntnis nicht hinausgeht. Die Flut kommt nicht als Wand von vorn. Sie kommt von hinten und füllt die Priele auf, während man noch weit draußen steht und nach Westen sieht. Wer mit ortskundiger Führung hinausgeht, ist nicht vorsichtig. Er rechnet.