
Das Jahr hat hier nicht vier Teile, sondern zwei: die helle Hälfte und die dunkle. Alles andere sind Übergänge, und die Übergänge sind das Interessante.
Auf diesem Breitengrad ist der Unterschied zwischen Sommer und Winter nicht in erster Linie eine Frage der Temperatur, sondern des Lichts. Im Juni wird es kaum richtig dunkel; um halb elf steht im Nordwesten noch ein Rest Helligkeit, der bis zum Morgengrauen nicht ganz verschwindet. Im Dezember ist um vier Uhr nachmittags Schluss. Wer ein Jahr hierbleibt, versteht, warum jedes Fest in dieser Gegend mit Feuer zu tun hat.
Frühjahr
Der Frühling kommt spät und dann auf einmal. Die See hat den Winter gespeichert und gibt ihn langsam ab, deshalb bleibt der März kalt, wenn im Binnenland schon alles blüht. Dafür ist der Mai hier von einer Klarheit, die weiter südlich nicht vorkommt.
Und dann kommen die Vögel. Im Frühjahr stehen Zehntausende Ringelgänse auf den Salzwiesen, und Ende April, Anfang Mai brechen sie auf, fast alle in denselben Tagen. Wer das einmal gesehen hat, hält den Begriff Naturschauspiel für untertrieben. Warum ausgerechnet hier, steht im Kapitel Vögel.

Sommer
Der Sommer ist kühl und lang und hell. Man kann um neun Uhr abends noch auf dem Deich sitzen, ohne dass etwas zu Ende geht. Das Wasser wird nie richtig warm, was den einen abschreckt und dem anderen genau recht ist.
Es ist die Zeit, in der die Landschaft am wenigsten dramatisch und am freundlichsten ist. Das Getreide steht, die Schafe stehen auf dem Deich, halten die Grasnarbe kurz und verdichten sie mit ihren Klauen – sie sind kein Idyll, sie sind Deichunterhaltung. Der Himmel ist hoch und macht nichts Besonderes. Es ist die einzige Jahreszeit, in der man in Nordfriesland faul sein kann.
Jedes Fest dieser Gegend hat mit Feuer zu tun. Das ist keine Folklore, das ist Buchführung über das Licht.

Herbst
Im September dreht der Wind, und das Jahr kippt. Die Vögel kommen zurück, diesmal aus der anderen Richtung. Die Salzwiesen färben sich, das Licht wird tief und lang und schräg.
Es ist die schönste Jahreszeit hier, und sie ist es, weil sie unruhig ist. Ab Oktober beginnt die Sturmflutsaison. Der Herbst an dieser Küste ist keine Ernte und kein Ausklang, sondern eine Ansage.

Winter
Der Winter ist selten kalt und fast immer laut. Schnee bleibt nicht liegen, dafür steht der Wind wochenlang aus West und Südwest, und die Dunkelheit ist der eigentliche Gegner. Es sind die Monate, in denen die Halligen unter Wasser gehen und in denen man versteht, warum die Häuser hier so tief geduckt gebaut sind.

Am 21. Februar brennen die Biikefeuer. In jedem Dorf wird ein Haufen aufgeschichtet und bei Einbruch der Dunkelheit angezündet, und dann steht die ganze Küste in einer Kette von Feuern. Die Deutung ist unsicher: Frühjahrsbegrüßung, Winteraustreibung, und die verbreitete Geschichte von den Leuchtfeuern für die Walfänger, die allerdings keine alte Überlieferung ist, sondern eine Erfindung des Sylter Lehrers C. P. Hansen aus dem 19. Jahrhundert. Sicher ist nur, dass der Brauch zu den ältesten dieser Küste gehört – erstmals bezeugt 1566, auf den 21. Februar festgelegt erst Ende des 19. Jahrhunderts – und dass er stattfindet, ob das Wetter will oder nicht.
Man verbrennt an diesem Abend nicht den Winter. Man stellt gemeinsam fest, dass er vorbeigehen wird.