Geschichte

Eine Hallig bei Hochwasser — die Häuser stehen auf der Warft

Geschichte ist hier keine Abfolge von Herrschern, sondern eine Bilanz von Land. Man kann sie in Hektar führen: gewonnen, verloren, zurückgeholt.

Die Friesen kamen in zwei Wellen: um 700 auf die Geestinseln Sylt, Amrum und Föhr, um 1100 in das Marschland des Festlands. Dort siedelte man auf Warften, aufgeschütteten Hügeln, und lebte mit dem Wasser, nicht gegen es. Erst im elften oder zwölften Jahrhundert begann man zu deichen, und damit begann das eigentliche Thema dieser Region: der Versuch, eine Grenze festzulegen, die das Meer nicht anerkennt.

Die erste Grote Mandränke

In der Nacht zum 16. Januar 1362 lief eine Sturmflut auf. Der Chronist Anton Heimreich schrieb dreihundert Jahre später, das Wasser sei vier Ellen – gut zwei Meter – über die damals noch niedrigen Deiche gegangen und habe einundzwanzig Deichbrüche gerissen. Zeitgenössische Berichte gibt es nicht; die Forschung streitet bis heute über das Ausmaß und sogar über das Jahr. Überliefert ist, dass ganze Kirchspiele verschwanden, und mit ihnen ein Handelsort namens Rungholt.

Rungholt ist der Ort, den hier jeder kennt und den niemand je gesehen hat. Jahrhundertelang galt er als Sage – die versunkene reiche Stadt, gestraft für ihren Übermut, ein Motiv, das jede Küste kennt. Erst als im Watt nördlich von Hallig Südfall zwischen 1921 und 1938 Brunnenschächte aus Grassoden, Zisternen und Warftreste zutage kamen, wurde daraus Archäologie. Man nimmt heute an, dass dort ein- bis zweitausend Menschen auf rund sechzig Warften lebten.

Rungholt ist der bekannteste Ort Nordfrieslands. Es gibt ihn nicht.

Was diesen Ort seit Jahrhunderten am Leben hält, ist nicht das, was von ihm übrig ist, sondern dass man seinen Namen behalten hat. Das ist der Unterschied zwischen vergangen und vergessen, und diese Küste kennt ihn genau.

Eine Marschkirche mit ihrem Friedhof
Die Ortsnamen halten am längsten.

Die zweite

In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634 geschah es noch einmal. Die Burchardiflut kostete allein auf der Insel Strand mindestens 6.123 Menschen das Leben – zwei Drittel der Inselbevölkerung – und auf Eiderstedt weitere gut zweitausend. Strand selbst zerriss: Übrig blieben Pellworm, Nordstrand und die Halligen Nordstrandischmoor und Südfall; zwei weitere Halligen versanken ganz. Bewohnbar wurden Pellworm und Nordstrand erst durch Wiedereindeichungen ab 1637 beziehungsweise 1654.

Zwei Nächte, gut zweihundertsiebzig Jahre auseinander, haben die Karte dieser Region mehr verändert als alle Kriege, die hier geführt wurden. Das prägt ein Verhältnis zur Zeit. Wer in der Marsch lebt, denkt Zukunft nicht in Legislaturperioden.

Ein alter Binnendeich, weit weg von der heutigen Küste
Ein alter Deich mitten im Land zeigt, wo die See einmal aufhörte.

Zurückgeholt

Auf jede verlorene Fläche folgte die Arbeit. Die Marsch selbst ist über sechstausend Jahre aus Wattsedimenten gewachsen – ein fünf bis fünfzehn Kilometer breiter Streifen entlang der Küste, der bis zur Hälfte der Kreisfläche ausmacht. Was der Mensch dazu beitrug, ist der Deich: Seit dem späten Mittelalter, systematisch erst seit dem siebzehnten Jahrhundert, wurden über einhundertsiebzig Köge eingedeicht. Der Klei des Marschhochlands trägt sehr fruchtbaren Ackerbau; das tiefer liegende Sietland am Geestrand ist überwiegend Grünland.

Ein Koog ist ein bemerkenswertes Objekt: ein Stück Land, das jemand vom Meer zurückgefordert und dann behalten hat, weil Generationen den Deich davor unterhalten haben.

Ein Hof auf der Warft über der flachen Marsch
Auf der Warft, aufgeschüttet vor tausend Jahren und seither erhöht.

Eine Sprache, zwei Länder

Die Grenze zu Dänemark, die heute mitten durch diese Landschaft läuft, ist jung: Sie wurde 1920 nach einer Volksabstimmung gezogen. Davor war das hier ein halbes Jahrhundert preußisch, davor gut siebenhundert Jahre Herzogtum Schleswig unter dänischer Krone, davor friesisch besiedeltes Land ohne festen Landesherrn – und in vielen Familien ist alles davon gleichzeitig wahr.

Das Nordfriesische wird bis heute gesprochen; auf Föhr und Amrum ist die Sprachgemeinschaft am lebendigsten geblieben. Wie es der Sprache seither ergangen ist, steht im Kapitel Grenzland.