
Zweimal im Jahr ist der Himmel über dieser Küste voller Tiere, die woanders hinwollen. Es ist das größte Ereignis der Region und dauert Wochen.
Das Wattenmeer liegt auf dem ostatlantischen Zugweg, der Vogelstraße zwischen der Arktis und Westafrika. Rund zehn bis zwölf Millionen Vögel nutzen es im Jahresverlauf als Raststation. Nicht als Ziel – als Tankstelle. Zu Spitzenzeiten rasten allein an der nordfriesischen Küste mehrere hunderttausend Watvögel gleichzeitig, in Spitzen bis zu einer Million.
Der Grund steht im Schlick: Die Biomasse im Watt ist so dicht, dass ein Knutt hier in drei bis vier Wochen sein Körpergewicht mehr als verdoppeln kann. Ohne diese Fläche wäre der Zugweg unterbrochen. An der europäischen Westküste gibt es dafür keinen Ersatz.
Es ist kein Ziel, sondern eine Tankstelle. Und es gibt keine zweite.

Wer hier durchkommt
Auf das Watt besonders angewiesen sind Knutt, Alpenstrandläufer, Kiebitzregenpfeifer, Pfuhlschnepfe und die dunkelbäuchige Ringelgans. Der Knutt frisst sich hier für einen Flug satt, der ihn ohne Zwischenlandung bis nach Sibirien bringt – jedenfalls die westafrikanische Unterart, die im Mai durchkommt; die andere zieht nach Grönland und Nordostkanada.
Im Frühjahr stehen Zehntausende Ringelgänse auf den Salzwiesen und Halligen. Ende April und Anfang Mai brechen sie fast alle in denselben Tagen auf. Die Ringelganstage in der Biosphäre Halligen im April und Mai sind der Versuch, dieses Ereignis zugänglich zu machen, ohne es zu stören.
Im Juli und August passiert etwas anderes: Die Brandgänse kommen zum Mausern. Sie werfen ihre Schwungfedern gleichzeitig ab und sind rund zwei Wochen lang flugunfähig – dafür sammeln sich ab Anfang Juli im Dithmarscher Watt, also südlich von Nordfriesland, 150.000 bis 200.000 Tiere. Ein Vogel, der nicht fliegen kann, braucht eine Fläche, auf der ihn niemand erreicht. Das Watt ist eine davon.
Die Richtung ist nicht einheitlich
Die Bestände entwickeln sich unterschiedlich, und die Richtung ist nicht einheitlich. Rückläufig sind unter anderem Austernfischer, Säbelschnäbler, Alpenstrandläufer und Dunkler Wasserläufer. Zugenommen haben Löffler, Nonnengans, Löffelente und Sanderling. Der Löffler, ein weißer Schreitvogel mit einem Schnabel wie ein Kochlöffel, brütet seit den 1990er Jahren erfolgreich, vor allem auf den Inseln.
Man kann daraus keine einfache Geschichte machen. Was man sagen kann: Die Arten, die den weitesten Weg fliegen und am genauesten auf das Watt angewiesen sind, haben es am schwersten.

Hinsehen
Man braucht kein Fernglas, um zu bemerken, dass etwas passiert. Das erledigt die Menge. Aber man braucht Abstand. Aufgescheuchte Vögel verbrauchen Energie, die für den Flug gedacht war, und ein Schwarm, der dreimal am Tag hochgeht, verliert genau das, wofür er hergekommen ist.
Deshalb gilt hier eine einfache Regel, und sie steht nicht nur in der Nationalparkverordnung: Auf dem Weg bleiben, langsam werden, stehen bleiben und warten. Die Vögel kommen näher, wenn man aufhört, sich zu bewegen.