Impressionen

Abendlicht spiegelt sich in den Wasserflächen des Watts

Zwischen zwei Blicken ist die Farbe des Wassers eine andere. Wer hier fotografiert, gibt es irgendwann auf und sieht einfach hin.

Das Licht

Maler sind wegen des Lichts hierhergezogen, nicht wegen der Motive. Motive gibt es anderswo mehr. Was es hier gibt, ist ein Himmel ohne Hindernis: kein Berg, kein Wald, nichts, was ihn beschneidet. Das Licht kommt ungefiltert an und fällt auf eine Fläche, die es zurückwirft. Nasses Watt spiegelt. Priele spiegeln. Nach einem Regen spiegelt die Straße.

So entstehen zwei Himmel, einer oben und einer unten, und dazwischen ein schmaler Streifen Land, der die beiden auseinanderhält. Es ist ein Verhältnis von vielleicht eins zu neun. Man gewöhnt sich daran und findet später jede andere Landschaft verstellt.

Emil Nolde hat wenige Kilometer vor der dänischen Grenze gemalt, in Seebüll. Wer im September bei ablaufendem Wasser nach Westen sieht, versteht seine Farben besser als jeder Katalogtext.

Man kann hier dreimal am Tag denselben Blick haben und ihn nicht wiedererkennen.

Ein Seedeich läuft bis zum Horizont
Der Deich ist die längste zusammenhängende Verabredung dieser Landschaft.

Die Weite

Weite ist kein Maß, sondern eine Erfahrung von Proportion. Ein Mensch auf einem Deich ist ein senkrechter Strich in einer vollständig waagerechten Welt, und er merkt das sofort. Das ist der Grund, warum manche Besucher nach zwei Tagen unruhig werden und andere nach zwei Tagen ruhig.

Entfernungen lassen sich hier nicht schätzen. Ein Kirchturm, den man auf zwei Kilometer schätzt, steht sieben Kilometer weit weg. Es fehlen die Zwischenstufen, an denen das Auge sonst misst: keine Hecken, keine Hügelkuppen, keine Häuserreihen, die kleiner werden. Es gibt nur nah und fern und dazwischen Gras.

Schilf biegt sich im Wind
Der Wind steht nie ganz.

Die Stille

Es ist nicht still. Der Wind steht nie ganz still, im Sommer rauscht das Schilf, im Winter zieht es über den Deich mit einem Ton, den man im Haus noch hört. Auf den Salzwiesen schreien Austernfischer und Rotschenkel, und im Frühjahr sind zehntausend Gänse alles andere als leise. Was viele hinterher trotzdem Stille nennen, ist etwas anderes – davon handelt das Kapitel Ruhe.

Rippelmuster und Priele im nassen Schlick
Aus der Nähe ist das Watt kein leerer Boden, sondern eine Oberfläche voller Zeichnung.

Der Geruch

Bei ablaufendem Wasser riecht das Watt nach Schwefel, Salz und etwas Faulem, und das ist kein Mangel, sondern das Verdauungssystem eines ganzen Meeres bei der Arbeit. Man findet den Geruch entweder sofort gut oder nie. Landeinwärts riecht es nach nassem Gras, nach Vieh, nach Regen, der noch nicht gefallen ist.

Der Wind trägt die Nordsee weit ins Land. Es gibt Tage, an denen man das Meer fünfzehn Kilometer vor der Küste riecht, bevor man es sieht. Es gibt Tage, an denen man am Deich steht und nichts riecht als kalte Luft.