Die Küste

Ein Priel zieht sich bei Niedrigwasser durch das Watt

Zweimal am Tag zieht sich die Nordsee zurück und gibt einen Boden frei, den man betreten kann. Zweimal am Tag holt sie ihn zurück. Dazwischen liegen sechs Stunden und ein Versprechen, das immer eingehalten wird.

Zwölf Stunden, fünfundzwanzig Minuten

So lange dauert ein voller Umlauf. Weil das nicht auf den Tag passt, verschiebt sich alles Tag für Tag um eine knappe Stunde nach hinten. Wer hier lebt, rechnet deshalb nicht in Uhrzeiten, sondern in Wasserständen. Der Kalender an der Wand sagt, welcher Tag ist; der Gezeitenkalender sagt, was man an ihm tun kann.

Man verabredet sich hier nicht um drei. Man verabredet sich zu ablaufendem Wasser.

Das ist keine Folklore. Es ist die einzige Verabredungsform, die funktioniert, wenn der Weg, den man gehen will, nur zwischen zwei Zeitpunkten existiert. Alles Weitere an dieser Küste folgt daraus: wo gebaut wird, wann geerntet wird, wann ein Schiff auslaufen kann und wann man besser umkehrt.

Eine Küste, die verhandelt wird

Was diesen Landstrich von anderen Küsten unterscheidet, ist nicht die Schönheit, sondern der Umstand, dass er nicht selbstverständlich da ist. Zwischen offener See und festem Land liegt hier kein Strand, sondern eine Abfolge von Zuständen, die sich seit Jahrhunderten verschieben: Watt, Salzwiese, Deich, Koog, Geest.

Jeder dieser Zustände hat seine eigene Logik, und jeder hat auf diesen Seiten sein eigenes Kapitel:

  • Zweimal am Tag Das Wattenmeer Der Boden, der zwischen zwei Tiden gehört und dann wieder verschwindet.
  • Seit neunhundert Jahren Marsch und Köge Das Land dahinter, gewachsen aus Schlick und gehalten von einem Erdwall.
  • Was übrig blieb Die Inseln und Halligen Sylt, Föhr, Amrum, Pellworm – und die zehn Halligen, die ohne Deich auskommen.

Wer nur einen Nachmittag hat, geht auf den Deich und sieht nach Westen. Der Rest erklärt sich von dort aus.